Nur, wer die Regeln kennt, kann sie auch brechen
Benehmen Bei einem Knigge-Kurs der besonderen Art lernen Schüler Regeln für ein Vorstellungsgespräch und ein offizielles Essen  
kennen.
VON DER KLASSE 9A DER ST. WOLFGANG-MITTELSCHULE REGENSBURG
REGENSBURG. „Du musst die Regeln kennen, um sie brechen zu können!" Dies ist kein Aufruf zur Anarchie, sondern so beginnt Frank Wissmann,  
Knigge-Trainer und LTTA-Artist, unser Bewerbertraining für Berufsanfänger, das uns E.ON Bayern gesponsert hat. Frank Wissmann wird uns heute  
zusammen mit Dr. Petra Weingart, der führenden LTTA Expertin Deutschlands, auf eine besondere Weise Knigge-Unterricht erteilen.
Erste Überraschung: Adolph Freiherr von Knigge hat nie Benimmregeln verfasst, er schrieb vielmehr 1788 einen schon zu seinen Lebzeiten  
erfolgreichen Ratgeber „Über den Umgang mit Menschen". Die Benimmregeln fügte der Verlag erst nach Knigges Tod seinem Ratgeber hinzu. Seitdem  
fühlt sich eine Menge von sogenannten Benimm-Experten berufen, Regeln für den Umgang der Menschen miteinander aufzustellen.
Tischdecken für Fortgeschrittene
Schnell wird klar: Dieser Workshop läuft anders. LTTA - Learning through the Arts - kommt aus Kanada und will mit künstlerischen Methoden  
Unterrichtsinhalte spielerisch und mit viel Spaß, aber auch mit großem Lernerfolg vermitteln. Da sind wir ja mal gespannt! Eigentlich dachten wir, für ein  
Bewerbungsgespräch in Sachen Umgangsformen schon recht gut gerüstet zu sein. Aber bald müssen wir feststellen, dass unser bereits erworbenes  
Wissen nicht ausreichend ist. Wir erfahren: Es dauert nur einige Millisekunden, bis der erste Eindruck über einen anderen Menschen gewonnen ist! Frank  
Wissmann entfacht mit uns ein kleines Feuerwerk aus Schauspiel, Anschauungsmaterial und gestalterischer Umsetzung und wir erarbeiteten dabei  
spielerisch die wichtigsten Regeln für ein Vorstellungsgespräch: Biete ein gepflegtes Äußeres! Trage angemessene, saubere Kleidung! Sei nicht  
overdressed, aber auch nicht underdressed! Selbstbewusstsein ist gut, aber übertreibe es nicht! Ein bisschen Nervosität macht nichts! Und nach Knigge:  
Sei authentisch!
Erste Hürde genommen! Aber was, wenn dich plötzlich ein offizielles Mittagessen erwartet? Mirela und Hüseyin fungieren als Gastgeberpaar. Wir  
anderen sind die Gäste. Wie begrüßt man nun korrekt die Gastgeber? Wichtige Regel: Der Gast grüßt zuerst, dann begrüßt der Gastgeber. Für unser  
Berufsleben: Der Rangniedere spricht eine Grußformel, der Ranghöhere entscheidet über den Handschlag. Die Gastgeber bitten uns an die Essenstafel -  
aber die ist bis auf Tischdecke und Tischschmuck noch total leer. Es soll ein Drei-Gang-Menü serviert werden. Eine Materialschlacht beginnt! Unmengen  
von Tellern, Gläsern und Besteck! Jeder soll seinen Platz eindecken. Das Ergebnis: eine äußerst kreative Tafel. Frank Wissmann klärt auf, wo welches  
Teil hinkommt.
Wir nehmen Platz. Wieso sitzt der Mann eigentlich rechts? (Das kommt aus der Ritterzeit: So konnte die Dame jederzeit mit dem Schwert geschützt  
werden.) Fleißige Helfer haben das Essen in der Schulküche bereits vorbereitet. Es wird der erste Gang serviert. Die Gastgeberin gibt das Zeichen zum  
Beginn. Sie legt ihre richtig gefaltete Serviette auf ihren Schoß.
So viele Fallen und ungeahnte Hürden: Darf man den Suppenteller kippen? Und wenn ja, in welche Richtung? (Ja, entweder zu mir hin, aber auch von mir  
weg.) Wie benutze ich korrekt meine Serviette? (Halbgefaltet, mit der Öffnung zum Körper, mit bestimmter Haltetechnik nur Innenseite benutzen.) Wo,  
tun Himmels Willen, kommt die Serviette hin, wenn ich aufstehe? (Sauber zusammengelegt links neben den Teller oder unter den Brotteller.) Lippenstift  
am Glasrand - was tun? (Unauffällig mit der Innenseite der Serviette abwischen.)
Darf man „Gesundheit" wünschen?
Wie halte ich das Weinglas und darf man anstoßen? (Immer am Stiel. Anstoßen nur andeuten, Glas auf Augenhöhe.) Kurze Info: Auch das Anstoßen  
kommt aus der Ritterzeit. Man tauschte dabei kleine Mengen der Trinkflüssigkeit aus, um zu zeigen, dass das jeweilige Getränk nicht vergiftet worden  
war. Wie gehe ich mit Brotteller, Brot und Butter um? (Vom Brot Stücke abbrechen, immer nur dieses Stück bestreichen.) Als Hauptgericht werden  
Hühnchenschenkel serviert. „Oh Gott! Fingerverrenkungen mit dem Besteck oder kann ich meine Finger nehmen?" (Das hängt davon ab, was der  
Gastgeber vorgibt. Besteck zum Mund führen, nicht umgekehrt!) Auch beim Dessert wartet eine Hürde: Wie um alles in der Welt bekomme ich die  
Schale von der Kiwi, die als Deko auf meiner Mousse liegt? (Mit der Dessertgabel das Obst halten, mit dem Dessertlöffel die Schale „abstechen".)
Da: Samy niest! Schockstarre! jetzt nur keinen Fehler machen! Unsichere Blicke zu Frank Wissmann. Gott sei Dank, richtig reagiert: Man darf wieder  
„Gesundheit" wünschen! Regeln, Regeln, Regeln und viele Fettnäpfchen, in die man tappen könnte. Kennt man die Regeln nicht, kann man dumm oder  
naiv rüberkommen. Nur wenn man Bescheid weiß, kann man gezielt und situativ entscheiden, ob man eine Regel befolgen oder brechen will!
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